PREHA: Optimale Vorbereitung auf eine OP

Von |Veröffentlichung: 16. Mai 2026|Aktualisierung: 16. Mai 2026|Ansichten: 6911|Kategorien: Allgemein, Ernährung, Gesund abnehmen, Krankheiten|Lesezeit: 4,7 min|

Das Konzept der Prähabilitation (PRÄHA / PREHA)

Die Prähabilitation – englisch Prehabilitation – ist ein proaktives, interdisziplinäres Konzept der modernen Medizin. Ihr Grundprinzip lautet: „Fitter in, fitter out“.

Während die klassische Rehabilitation erst nach einem belastenden Ereignis wie einer Operation oder Chemotherapie beginnt, setzt die Prähabilitation bereits vorher an.

Ihr Ziel ist es, die funktionelle und physiologische Reserve eines Patienten vor einer geplanten Belastung gezielt zu verbessern und möglichst zu maximieren.

1. Wissenschaftliche Rationale: Das pathophysiologische Modell 🔬

Jeder größere chirurgische Eingriff löst im Körper eine systemische Stressreaktion aus. Diese geht unter anderem einher mit:

  • einem erhöhten Sauerstoffbedarf,
  • Gewebeabbau (Katabolismus)
  • einer vorübergehenden Schwächung des Immunsystems.

Nach einer Operation sinkt die funktionelle Kapazität meist deutlich ab. Dazu zählen zum Beispiel körperliche Leistungsfähigkeit, Lungenfunktion und Ernährungsstatus.

Befindet sich ein Patient bereits vor dem Eingriff in einem schlechten Fitness- und Gesundheitszustand oder sogar nahe an der Schwelle zur Pflegebedürftigkeit, kann dieser postoperative Abfall schwerwiegende Folgen haben: Komplikationen, ein längerer Krankenhausaufenthalt oder ein dauerhafter Verlust der Selbstständigkeit.

Die Prähabilitation setzt genau hier an: Sie verschiebt die Ausgangskurve nach oben 📈.

Das bedeutet konkret:

Erhöhung der funktionellen Reserve:
Durch gezieltes Training vor dem Eingriff wird das Ausgangsniveau, die sogenannte Baseline, angehoben.

Puffer-Effekt:
Auch wenn es nach der Operation zu einem Leistungsabfall kommt, bleibt der Patient eher oberhalb der kritischen Schwelle für schwere Komplikationen und Lebensqualitätsverlust.

Beschleunigte Rekonvaleszenz:
Die Erholungsphase kann verkürzt werden, und der Patient erreicht schneller wieder sein ursprüngliches Funktionsniveau.

Gerade im Leistungssport sieht man oft sehr eindrucksvoll, wie stark eine gute körperliche Ausgangsfitness die Regeneration beeinflussen kann. Heilung, Mobilisation und Rückkehr zur Belastbarkeit verlaufen häufig deutlich schneller als bei untrainierten Personen.

2. Die vier Säulen der multimodalen Prähabilitation 🧩

Die moderne evidenzbasierte Medizin bevorzugt multimodale Ansätze, weil verschiedene Maßnahmen gemeinsam stärkere, sich ergänzende Effekte entfalten können.

Die Prähabilitation beruht im Wesentlichen auf vier Säulen:

1. Physisches Training

Strategie: 🏃‍♂️Kombiniertes Ausdauer- und Krafttraining, häufig auch High-Intensity Interval Training, kurz HIIT, sowie Atemtraining.

Ziel: Steigerung der kardiorespiratorischen Fitness, also der Herz-Lungen-Leistungsfähigkeit, Verbesserung von VO2max, Erhalt der Muskelmasse und Prävention postoperativer Pneumonien.

2. Ernährungsoptimierung 🥗

Screening auf Mangelernährung, Vitamin- und proteinreiche Ernährung und gegebenenfalls Supplementation, zum Beispiel mit Vitamin D, Zink, Selen (am besten laborbasiert) oder Whey-/Molkenprotein.

Ziel: Förderung eines gesunden anabolen Stoffwechsels zur Unterstützung der Wundheilung und zum Schutz vor postoperativem Muskelabbau (Sarkopenie).

3. Psychologische Intervention 🧘‍♀️

Kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeitsübungen, Entspannungstechniken und Maßnahmen zur Angstreduktion.Senkung des Stresshormonspiegels, insbesondere Cortisol und Katecholamine, sowie Verbesserung der postoperativen Schmerztoleranz und Compliance.

4. Medizinisches Risikomanagement 🩸

Raucherentwöhnung, Gewichtsnormalisierung, Alkoholreduktion/-verzicht und Optimierung von Begleiterkrankungen, zum Beispiel Anämie-Management beziehungsweise Patient Blood Management oder eine bestmögliche Diabetes-Einstellung.

Ziel: Reduktion mikrovaskulärer Gefäß-Komplikationen und Optimierung des Sauerstofftransports im Gewebe.

3. Klinische Evidenz und Nutzen 📊

Studien, unter anderem im Rahmen von ERAS-ProtokollenEnhanced Recovery After Surgery –, zeigen deutliche Vorteile der Prähabilitation. Besonders relevant ist sie in der:

  • Krebschirurgie, zum Beispiel bei Dickdarmkrebs
  • Herzchirurgie
  • Knie und Hüftprothesen

Klinische Outcomes im Überblick

Reduktion postoperativer Komplikationen:
Vor allem Komplikationen durch Lungenprobleme und Infektionen können um bis zu 30–40 % gesenkt werden.

Verkürzung der Krankenhausliegedauer:
Die sogenannte Length of Stay, kurz LOS, kann im Durchschnitt um 1 bis 2 Tage reduziert werden.

Kosteneffizienz:
Obwohl Prähabilitationsprogramme zunächst zusätzliche Kosten verursachen, können die Gesamtkosten im Gesundheitssystem sinken – insbesondere durch weniger Intensivstationstage und weniger erneute Klinikeinweisungen (Re-Hospitalisierungen).

4. Herausforderungen in der klinischen Praxis ⚠️

Trotz der starken Evidenz ist die flächendeckende Umsetzung von PREHA-Programmen mit praktischen Hürden verbunden.

Das Zeitfenster ⏱️

In der Onkologie liegen zwischen Diagnose und Operation häufig nur 2 bis 4 Wochen. Prähabilitative Maßnahmen müssen daher sofort beginnen und sehr effizient gestaltet sein. Dieses kurze Zeitfenster wird auch als „Window of Opportunity“ bezeichnet.

Compliance und Motivation der Patienten 🤝

Viele Patienten sind bisher nicht bereit gewesen, sich aktiv um die eigene Gesundheit zu kümmern. Sonst wären viele Operationen gar nicht nötig. Es ist daher fraglich, ob diese Menschen in der Phase vor einer OP dazu bereit sind.

Im Falle einer Krebsdiagnose befinden sich viele Menschen in einer psychischen Ausnahmesituation. Auch dies kann aktives Handeln erschweren. Für Therapeuten besteht die Herausforderung, dem Patienten in dieser Phase zu vermitteln, dass sie gerade jetzt aktiv trainieren, ihre Ernährung anpassen und psychologische Unterstützung nutzen sollen.

Auf der anderen Seite erlebe ich viele Menschen, die diese gesundheitliche Krise („Schuss vor den Bug“) als Anlass nehmen, um endlich die nötigen gesundheitlichen Veränderungen vorzunehmen.

Interdisziplinarität und Vergütung 🏥

Prähabilitation funktioniert am besten, wenn verschiedene Berufsgruppen eng zusammenarbeiten: Chirurgen, Anästhesisten, Physiotherapeuten, Ernährungsberater und Psychologen. Leider ist die ambulante medizinische Versorgung bei uns wenig auf vorbereitende präventive Maßnahmen ausgelegt.

Das heißt: der Patient darf selber Verantwortung übernehmen und sich proaktiv Rat holen von entsprechenden Experten. Passend zum individuellen Bedarf. Sportler kennen dieses Prinzip aus der Vorbereitungen auf eine neue Saison oder wichtige Wettkämpfe.

Fazit 🌟

Die Prähabilitation steht für einen Paradigmenwechsel in der operativen Medizin: weg vom rein reaktiven Reparaturansatz, hin zur proaktiven Optimierung des Patienten.

Sie verwandelt die Wartezeit vor einer Operation in eine aktive Vorbereitungsphase.

Dadurch kann sie messbar dazu beitragen, Komplikationen zu reduzieren, Krankenhausaufenthalte zu verkürzen, Leben zu retten und Lebensqualität zu erhalten.

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